
Titelbild: Klaus Zylla
Editorial
Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,
bei uns gibts diesmal „Einmal für umsonst“. Möglich macht dies der von uns überaus geschätzte Berliner Schriftsteller Florian Günther. Allen, die Escapade regelmäßig lesen, ist er gut bekannt. Vielen anderen sowieso. Allein schon durch den von ihm herausgegebenen DreckSack, „Lesbare Zeitschrift für Literatur“.
Denn er ist so berühmt wie berüchtigt dafür, seine Leser auf literarische Streifzüge (und auf Kollisionskurs mit Männern und Frauen und manchmal auch Kindern und Hunden …) in die Kneipen und Straßen seines Kiezes, in die Wohnungen und Befindlichkeiten des ein oder anderen und auch zu sich selbst mitzunehmen …
Hier macht sein neues Buch „Einmal für umsonst“, erschienen beim Mokoko Print keine Ausnahme. Und das liest sich so unterhaltsam und lakonisch weg wie seine Vorgänger – also absolut lohnenswert.
Einige Auszüge daraus bekommt ihr hier.
Passende Illustrationen zu Florians neuem Buch gibt es auch: Der großartige Maler und Grafiker Klaus Zylla steuerte 14 Zeichnungen zu den Gedichten bei und begleitet das nie endende Desaster der menschlichen Komödie.
Einmal für umsonst also.
Freut euch drauf,
meinen Eure Silke Vogten und Flora Jörgens
Einmal für Umsonst
Herrliche Zeiten!
Ich bin beim
Psychiater.
Er fragt mich,
wie es mir geht.
Wenn ich
das wüßte, Doc,
wäre ich nicht hier, sage
ich. Darf man
fragen, wie
es Ihnen geht?
Er beugt sich
nach unten, bringt
eine große
Flasche Korn
zum Vorschein, nimmt
einen ordentlichen Schluck
und sagt:
Oh. Ich
kann mich nicht
beschweren.
Zille läßt grüßen
Als man den
10jährigen Kevin
fragte, was
sein erster Wunsch wäre,
wenn er drei Wünsche offen
hätte, antwortete er:
Ein eigenes Bett.
Wir befinden
uns im Jahre 2025
in der Bundesrepublik
Deutschland.
Der Bundeswehretat
wurde soeben
auf 100 Milliarden Euro erhöht,
und der Kanzler ist ein
Christ.
Unentschieden
Mein Vater hat
als Arzt die
ganze Welt (umrundet
und jeden Kontinent) bereist.
Ich dagegen
habe mein ganzes Leben
in den Kneipen
hier in dieser Gegend
zugebracht.
Und weiß
nicht weniger
als er.
(Florian Günther)

Bild: Klaus Zylla
Iß!
Es war nur noch
ein kleines
Stückchen Brot, aber
ich war satt. Er
deutete auf meinen
Teller.
Du bleibst hier
solange sitzen,
bis du das aufgegessen
hast!
Ich bin aber satt!
Du ißt!
Ich saß da und
rührte
mich nicht.
Er beugte sich
vor. Wenn
du nicht gleich ißt,
knallts.
Aber richtig!
Auf einmal steht
meine Mutter hinter
mir.
Was ist hier los?
Er ißt nicht.
Aber es ist
doch nur noch das
kleine Stück.
Eben! Der bleibt
hier solange
sitzen, bis sein Teller
leer ist.
Du spinnst ja!
Sie schnappt sich
meinen
Arm und will
mich aus der Küche
ziehen. Aber er zerrt uns
wieder
auseinander.
Der bleibt
schön hier sitzen!
Du läßt
ihn jetzt gehen!
Erst wenn
er aufgegessen hat!
Er stößt sie
in den Flur und
hält die Tür
hinter ihr zu.
Aber die Tür
ist aus Glas
und explodiert,
als meine
Mutter sie mit
ihrem Regenschirm
zerdeppert. Er dreht sich zu
mir um:
Jetzt sieh dir
deine Mutter an.
Und iß!
Die Glassplitter
verteilen sich
in der ganzen Küche.
Selbst auf
meinem Teller
landet einer.
Aber das macht ihn nur
noch wütender.
Er reißt die
Tür auf, packt sie
sich, und sie
taumeln durch
die ganze
Wohnung.
Im Schlaf-
zimmer höre ich
sie plötzlich
kreischen:
Mein Arm!
Du brichst
mir ja den Arm!
Es klatscht, es
rumpelt, als
würde etwas Schweres
zu Boden fallen.
Ich sehe aus
dem Fenster.
Die Sonne geht
gerade unter;
der Himmel ist
blutrot.
Und ich bin
immer noch satt.
(Florian Günther)

Bild: Klaus Zylla
Ein echter Kämpfer
Kinder, die schon als Junkie
geboren werden, nennt man Drogenbabys,
und kaum einer
gibt ihnen eine Chance.
Trotzdem lernte er
mit seinen dürren wackeligen
Beinen laufen
und sich verständlich
zu machen, wie jedes andere
Kind.
Er weint sehr oft.
Lacht aber auch viel und
steckt uns
alle damit an.
Wer lachen kann,
Emil, der hat auch eine
Chance.
(Florian Günther)

Bild: Klaus Zylla
Ein zahnloser Tiger
Jeden Morgen ißt er
einen Apfel, schluckt seine
Pillen, sitzt auf
dem Hometrainer und
fängt so langsam an, sich vor
dem Tod zu fürchten.
Er ist fast 50 und
wird allmählich das, was
seine Mutter sich
von ihm erträumte:
Ein Typ, der keinem
Scherereien macht.
Nett, leise, politisch neutral,
allseits beliebt,
und so friedlich wie
ein weißes Blatt Papier.
Liebe Leser!
Mein letztes Buch führte
zu allerlei:
Anrufe von
wildfremden Menschen aus
Süddeutschland.
Streit mit einer Frau, die
sich veräppelt fühlte.
Lesungen in
Besserungsanstalten,
Irrenhäusern, Zeitungskiosken
und Bonn.
Begegnungen mit
Freunden, die
behaupteten, ich würde
sie mal wieder
schlechter aussehen lassen, als
mich selbst …
Aber egal ob
wie was wo. Ich schreibe
jetzt an meinem
nächsten
Schmöker. Also haltet
euch fest. Seid
nett zu mir und gebt
mir euer ganzes
Geld. Dann laß ich mit mir
reden.
(Florian Günther)

Bild: Klaus Zylla
Die Künstler dieser Ausgabe
Florian Günther
Florian Günther , 1963 in Berlin Friedrichshain geboren, ist Herausgeber des DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur. Bislang erschienene Gedichtbände des Berliner Dichters sind u.a. „Mir kann keiner“, ( 2009) „Dusel“( 2004) oder „Mehr war nicht drin“ (dieses erschien im Verlag Peter Engstler, 2013). Ebenso „Liebesgedichte oder so was Ähnliches“ (Moloko Print-Verlag 2018). Hier erschienen auch „Aus der Traum“ (2017) „Gedichte aus dem Hochpaterre“, (2019) beide mit Fotografien von Michael Dressel und nun „Einmal für Umsonst“ (Moloko Print 2025) Bestellungen hier.
Klaus Zylla
Klaus Zylla , 1953 in Cottbus geboren, ist ein deutscher Maler, Grafiker, Buchillustrator und leidenschaftlicher Skispringer. Einzelausstellungen u. a. in den USA, Schweden, Schweiz, Frankreich, Portugal. Vertreten ist er u.a. in den Sammlungen Würth, Fine Arts Museum San Francisco, Art Collections of Stanford, Harvard, Yale. Mehr über ihn und seine Arbeit hier.
