Escapade Januar 2016

Editorial

Liebe Freunde…

die erste Ausgabe von Escapade belles-lettres 2016 ist lang und opulent wie die schon wieder längst zurückliegenden Feiertage.
Deshalb halten wir uns im Editorial kurz und begrüßen das ebenfalls längst gestartete neue Jahr mit einem ausgedehnten Hang Over.
Gutes braucht Zeit. Und hält dafür länger an. Wie die neuen Pfunde auf den Hüften im Januar.
Wenn die Hose nicht mehr schließt, liegt das am Reissverschluss. Hat Marcus Verhülsdonk herausgefunden, der danach zwei Stoßseufzer gen Himmel schickt. Durchatmen. Und dann atemberaubende Fotos von Michael Dressel genießen.
Der traurige Morgen in Mantel und Hut wird begrüßt mit Reiner „Rheini“ Brückner, der dieses Jahr eine eigene Lesung geben wird.
Dazu aber später im Jahr mehr. Ebenso wie zu den Expansions-Plänen von Escapade belles-lettres.
Wir dehnen uns. Aus.

Und Schluss sagen
Eure, bevor sie wieder auf die weichen Kissen zurücksinken,

Flora Jörgens und Silke Vogten

 

Bild_Dressel
Foto: Berlin 1. Von Michael Dressel

Hangover

Reissverschlussverfahren

Wenn schlimmer nie zuvor als jetzt
der Körpermitte Schmerzen waren
hat sich, was nun zu Recht entsetzt,
gewiss dein Reißverschlussverfahren.

Marcus Verhülsdonk

 Bild Dressel_2
 Foto: Berlin 2. Von Michael Dressel

Michael Dressel, geboren in Deutschland, lebt in L.A. Wenn er für einen Abstecher nach Berlin kommt, sieht der Sounddesigner erstaunliche Bilder. Nur eine sehr kleine Auswahl findet sich in dieser Ausgabe von Escapade. Mehr auf seiner facebook-Seite oder unter www.Michaeldressel.com / Marcus Verhülsdonk inspirierte ein Witzbildchen zu seinen folgenden, beiden lyrischen Reaktionen. Der Text dazu ging so: „Erschaffung des Menschen (Endkontrolle). Assistent: „Ist gut so?“ Gott: „Mach noch einen kleinen Zeh dran.“ Assistent: „Wieso das denn?“ Gott: „Wegen der Möbel.“ Assistent: „Wegen der Möbel?!?“ Gott: „Vertrau mir. Das wird lustig.“ Marcus’ erste lyrische Reaktion s.u.. Seine zweite, nach eigener Aussage „das obligate assoziative Abschweifen vom ursprünglichen Thema“ folgt sozusagen hier auf dem Fuß.

Hangover

Stoßseufzer 1

Warum werden deutlich öfter als die großen
eigentlich die kleinen Zeh’n gestoßen?
Unterscheidet Größe bei den Schränken?
Daran ist, was Stöße angeht, nicht zu denken.

Ob man den kleinen Zeh sich stößt an einem Riesentrümmer
oder den dicken Onkel an ’ner winzigen Kommöde:
Letzteres bereits ist, kann man sagen, wirklich blöde
Erst’res bei genauerer Betrachtung vielleicht sogar dümmer.

Marcus Verhülsdonk

Hangover

Stoßseufzer 2

Dem Säufer, der beim stumpfen
Schnäpse Saufen, schlimm und
schlecht gesittet ohne anzustoßen,
schlußendlich auf das Seufzen stößt,
dem stoßet schwankend und schwitzend
sicher schon der Schnaps,
stärker jedoch schlechterdings
das Seufzen selber sauer auf.

Marcus Verhülsdonk

Dressel 3

Dressel 4
Fotos: Berlin 3 und 4. Von Michael Dressel

Hangover

Biotonnen, karge Luft oder Panik am Morgen
(in memoriam Rolf-Dieter Brinkmann)

Hallo, trauriger Morgen in Mantel und Hut;
tritt näher, leg los, kauziger Fremdling, Bastard, Penner,
dass du ja nicht der süßen Vanessa
den Striptease verdirbst
im gekachelten Bad.

Was ist, was mich so ratlos macht,
wenn ich die Wolken seh
auf deinem schamlosen Antlitz,
deine nackte Haut, deine Gesten,
deine Affronts, deine Trauer?

Ach, alles Blödsinn, sagt Jo, der Chinakenner,
nichts findest du am anderen Ende der Welt,
außer Hunden, Schlangen und Gewürm,
lebendig auf vitaminreichen Speisekarten.

Vertilg mich, oh Herr, in deinem Garten Eden;
unter Zweigen will ich gebettet sein,
ruhen im göttlichen Arsenal von Biotonnen und karger Luft.
Ich hab es nicht – das gewisse Gen,
höchstens im Vorwärtsgang
schwant mir diffizile Gewissheit.

Oh no, lass mich nicht knien
vor Prozessionen, Altären und Leichenschauhäusern;
sogar meiner Mutter gab ich nicht nach,
als Schlesien noch existierte, vererbbare Besitzstände,
Tankstellen, Kiesgruben, Fleischereien, Gasthäuser,
goldenes Land, auf denen Pferde weideten und schwarzbunte Kühe.

Fang jetzt bloß nicht von Polen an:
Auschwitz und Shoah im Vertriebenen-Museum,
Poker auf die Zukunft, gezinkte Karten, Komplotte,
die UNO immer mit an Deck,
Obamas schützende Hand –
was für ein Irrtum!

Yes we can, Ferlinghetti, Ginsberg, Kerouac
und dieser umnebelte Dylan,
vor Anker gegangen am Kap Scorsese.
Was, er singt gut und kann dichten,
hat den Nobelpreis verdient,
den ersten Flug in die Milchstraße,
die leeren Patronenhülsen der letzten Waffenfabrik?

Ach, trauriger Morgen, leg den Hut ab,
häng den Mantel an den Nagel,
tritt ein Fremdling, komm näher,
mein Haus ist ein Todestrakt,
abgestürzt in die Grundwasser der Apokalypse;
meinen Segen hast du, Brief und Siegel,
so mach dich nützlich an der Hintertür.

Reiner Brückner
(9. und 10. März 2009, nach alten Ansätzen aus den Endsechziger Jahren)

Dressel5
 Foto: Berlin 5. Von Michael Dressel

Hangover

weihnachtsdeko

wobei, baumschmücken find ich trotz allem viel meditativer als das genervte rumgehampel, in hausschlappen auf zehenspitzen an der äußersten hausecke auf dem querbügel der klapprigen haushaltsleiter, für deren weiterbenutzung zum durchaus ähnlich gestalteten aufhängen der zentnerschweren, weil feucht aufzuhängenden wohnzimmergardinen ich meine Mutter bereits zu d-mark-zeiten fürchterlich gescholten… hatte, was automatisch zu ihrer wiederaufnahme der davor in die kritik geratenen methode „halbspagat in strümpfen zwischen marmorfensterbank und polierter eßtischplatte“ führte, unter der dachrinne tänzelnd zu versuchen, den verreckten letzten led-eiszapfen in position zu prepeln.
nur die leeren kartons wieder innen keller und wieder raufzuräumen und das abschmücken nervt. hauptsächlich, weil Mutter seelig immer schnappatmung wegen der nadeln kriegte, wenn Vatter oder später ich das ding nach mantraoft wiederholten vergeblichen aufforderungen inzwischen bizarr entstellt, deutlich sperriger als vorher und dröge wie zunder ruppig, bocklos und umso gewaltsamer ende februar unter infernalischen fluchtiraden durch jeden scheiß-türrahmen der selbstredend grotesk überheizten wohnung – der mammutbaum vereitelte drei monate lang jeden kleinsten justierversuch des heizkörperventils- bis nach draußen hindurchprügeln mußte, wobei die obligate vergessene letzte kugel malerisch, mit größtmöglicher schrappnell-wirkung „nimm den hund weg, paß auf die pfoten auf, wo is der handfeger?!“ (immerhin war dieser immer flugs zur hand, da Mutter hiermit bereits manisch den vollkommen aussichtslosen kampf gegen die diabolischen tannennadeln in der leidgeprüften, duldsamen auslegeware aufgenommen „hamse kinder? UND ’n hund? ouh, dann lieber schlinge, is robuster als velour!“)hatte, frei in sämtliche angrenzenden zimmer diffundierte.

draußen angekommen, kriegte man meist trotz minusgraden gleich die nächste aggressionshitzewallung, mit dem stieren blick aus jenen blutunterlaufenen augen, den amokläufer kurz vor ihrer tat bekommen sollen, feststellend, daß man den größten teil „ja sicha hinten auch, dat sieht doch sonst total banane aus!“ des ‚echten stanniol-lamettas‘, um dessen letzte zwei packungen man sich bereits vor zwanzig jahren im hinterzimmer des schreibwarenladens vom inhaber mit steifen hand in dem einen lederhandschuh mit einem anderen baumschmuck-eleven prügeln mußte, weil die ökofreaks wieder mal ein nutzloses verbot durchgedrückt hatten „da ist blei drin!“, nachdem sie feststellten, daß sie keine haare am sack hatten, und welches man seither nach großvaters sitte jedes jahr sorgsam ausgekämmt und in ordentlichen bahnen in zeitungspapier eingeschlagen ehrfurchtsvoll aufbewahrt hatte als den nibelungenschatz des heimdekospießers.
selbstredend sah man, da man sich ob der sisiphusesken arbeit in der trockensauna von wohnung inzwischen der allermeisten kleidungsstücke entnervt entledigt hatte, aus wie ein igel, der von einer marodierenden horde amerikanischer (was sonst!!) baumstachelschweine sodomiert worden war, während man, der wutohnmacht nahe, feststellte, daß sich auch der schlüssel für die haustür, die ein aufkommender, empfindlich kühl-scharfer ostwind väterlich zugeweht hatte, in einem der unterwegs abgelegten kleidungsstücke befunden hatte und drinnen das dröhnen der alliierten staubsaugerverbände in der nachweihnachtlichen entscheidungsschlacht das liebliche „bim–bim“ der betagten, längst ihres sonoren „bam“s verlustig gegangenen haustürklingel ausradierte.
hier stand man nun, mit hochroter birne, violettgefrorener nase und lippen, beides von cholerischen schneeweißen ringen umsäumt, käsigen armen und lebkuchen-schwabbelbauch, im unterhemd auf dem rauhreifglänzenden gehsteig in der abenddämmerung, wissend, daß gleich Thomas Gottschalk, während im blitzblanken wohnzimmer Mutters hörgeräte auf dem couchtisch achtlos vor sich hin rückkoppelten, in die viel zu kurze, vom hektisch wegen des goldlöckchens abgezogenen staubsaugergeschwader hinterlassene akustische bresche hineingrätschen und, wegen des gewesenen jahrswechsels, natürlich gleich um 45 minuten überziehen würde.
„lange nicht gesehen, frohes neues noch!“ grüßen die nachbarn freundlich, wenn auch sicherheitshalber von der anderen straßenseite skeptisch herüberäugend.
„hatten sie schöne feiertage?“

Marcus Verhülsdonk

Dressel 6

Dressel 7
Fotos: Berlin 6 und 7. Von Michael Dressel.

 

Hangover

Altunddickunddumm

Heute

bin ich
alt
und dick
und dumm

Ich weiß

ihr mögt es
lieber
jung
und schön
und schlau

aber heute

bin ich
alt
und dick
und
dumm

und morgen
vielleicht morgen

(und nur wenn ihr ganz brav seit…)
Mach ich euch’s wieder

jung
und schön
und schlau

Silke Vogten

Dressel 8
Foto: Los Angeles. Von Michael Dressel

Zurückgekehrt nach Los Angeles mit Michael Dressel letztem Foto, wo Hollywood jung und schön und schlau Maßstäbe setzt, die in Berlin längst angekommen sind. www.Michaeldressel.com Mehr von Silke Vogten gibt es in ihrem Blog Brotundlyrik.club, das letzte Bild auf dieser Seite hier ist eine Arbeit mit Wachsmalstiften. Rheini Brückner ist Shakespeare-Übersetzer und wird im Herbst seine Sonette lesen. Eine, mindestens eine, Escapade-Lesung wird es auch geben, und vor allem: eine Hör-CD! Es gibt noch viel zu berichten. Lassen wir’s. Jetzt jedenfalls. Aktuelles aber immer auch auf facebook.

Träumende
Bild: "Lieber träumen als arbeiten"  Wachs auf Karton. Von Silke Vogten

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