Mai/Juni 2021


Titelzeichung: Rainer Resch, aus Kunsthandwerk Zeichenbuch, Nr. 321

 

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

na, in den vergangenen Monaten auch schön tief ins „Serotoninloch“ gefallen?
Falls noch nicht, nimmt euch der wunderbare Autor  Weylthaar (aka Lars Banhold) gerne mit. Denn so heißt sein aktuelles Buch. Serotoninloch.
So oder so, wir geben eine klare Empfehlung für seine „1000 mg Gedichte“, die für Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren geeignet sind.
Frei verkäuflich beim Verlag Rodneys Underground Press. Unsere Erfahrung: Knallen gut und haben Nebenwirkungen.

Mit dem üblichen maliziösen und eigensinnigen Strich wird das alles optisch begleitet von unserem Lieblingszeichner Rainer Resch.

Zieht es euch rein und habt Freude dran.

Eure,

Silke Vogten und Flora Jörgens


Zeichung: Rainer Resch, aus Kunsthandwerk Zeichenbuch, Nr. 218

 

Alle folgenden Gedichte: Weylthaar

Serotoninloch Part I

serotoninloch

am anfang erschöpft fallen
lassen, jetzt bist du erst einmal
leer, jetzt kannst du liegen

wenn erst die hoffnung fällt
macht auch das gelassen

aufräumen ist gleich
wegschmeißen ist gleich
reparieren ist gleich
jetzt wird ausge-
stiegen in voller fahrt

den kater wegwarten

sollen
die anderen
sollen sie doch
sollen andere sich festhalten

nur keine panik
mehr, über panik sind wir

längst hinaus

 

bahnhof

zwischen den schienen stocken
schneeflocken erst einen moment
dann schmilzen sie

so bleibt der schotter schwarz

& ich weiß nie ob mein fahrschein reicht
weil ich die automaten nicht verstehe

& ich weiß nie ob ich am richtigen gleis stehe
weil ich die durchsagen nicht verstehe

außer denen die vor taschendieben &
vor gepäckstücken warnen

& ich versteh die polizisten mit den waffen
die sagen mir ganz ohne worte:

„das hier ist kein spaß &
hier ist keiner sicher“

 

haltestelle

die luft wie straffes zellophan
gewaltsam um die welt gespannt
& unwesentlich loses treiben

ohne wesen trotzdem
davon dicht bevölkert
am äquator
die drehung: 1.670 km/h

der mesokosmos erreicht
in keine richtung sein ende

& alles weil der bus nicht kommt

 


Zeichung: Rainer Resch, aus Kunsthandwerk Zeichenbuch, Nr. 257

Serotoninloch Part II

gut

sie ist fast siebzig
einmal herzinfarkt &
zweimal krebs &
wir, die wir den letzten
nerv raubten
& er

sie liest noch immer todesanzeigen
das hat sie so noch von der arbeit drin

sie war noch keine vierzig
da sagte sie zu mir
sie wolle später mal
im schlaf sterben

ich seh das anders
man stirbt nur einmal
& dann will man doch
dabei gewesen sein

wenn ich heute
frage wie’s ihr geht
sagt sie immer:
gut

ich frag sie trotzdem
weiter, damit ich
mir nichts vorwerfen
lassen muss

 

in der quarantäne

zehennägel schneiden
fensterputzen
auf den bauch legen
& lachen

schauen wie viele
liegestütze du schaffst
& dann weinend
einen runterholen

auf dem rücken
lange weilend
die decke raufschauen
& sie dann zusammenfalten

3 akkorde lernen
& dann chronologisch
alle ramones-songs auf
der ukulele spielen

den teppich kämmen
die bürste nageln
die kinder schrubben
mit dem boden spielen

oppas schwarzweißbilder
mit dem buntstift mahlen
jeden kalauer machen
bis der gattin nudelholz zerbirst

dem gesicht beim falten zusehen
verdrängte ödipale konflikte eskalieren
brombeerblätter für die heuschrecken pflücken
vorsichtshalber omma schreiben

bernado soares texten
menschengruppen aus dem fenster anpöbeln
mit dir selbst reden
& nicht richtig zuhör’n

business as usual

 

sweet dreams

still!
annie lennox singt:
„everybody’s looking for something”

nicht ganz …
die wenigsten suchen
etwas ganz gezielt

wir gehen durch die welt
wie durch ein warenhaus
bis oben hin gefüllt mit tinnef

& schauen nur
was man so findet

man findet sich hässlich
man findet sich dumm
man findet sich in ausweglosen situationen

& schließlich
findet man
sich ab

Zeichung: Rainer Resch, aus Kunsthandwerk Zeichenbuch, Nr. 121

Serotoninloch Part III

pommes

komm
lass uns pommes essen gehen
dieser tag ist sowieso nicht
heilbar
& was wir uns zu sagen hätten
ist beileibe auch nicht abendfüllend

komm
wir gehen pommes essen
die theke an der bude lässt
uns nebenbeinander sitzen
nicht entgegenüber
meine hand will mit dem piekser pommes pieksen
meine fingerkuppen nicht auf glatten flächen reiben

komm schon
wir wollen jetzt pommes essen gehen
schick mich nicht nach brandenburg
gib mir bitte eine chance
ich brauche keinen erfolg
überlassen wir meine wünsche halt sich selbst
ungenutzt ist potential doch eh am schönsten

komm
& lass uns einfach pommes essen
ich bezahl auch
denn bezahlen muss ich eh

 

vergiss nicht, ordentlich pflaster zu kaufen

denn das wird nicht verheilen,
glaub mir

 

elf haiku zu den elf stücken auf „midnight radio“ von bohren und der club of gore

1.
links an der theke
zappelt die fliege im bier
ich überleg noch

2.
rotes ampellicht
gespiegelt auf der straße
brüllen nutzt auch nichts

3.
im frischen kaffee
steigt die milch sanft auf und flockt
heute beginnt so

4.
um viertel nach acht
mit mutter telefoniert
sie sagt, es sei gut

5.
jungs in der s-bahn
reden, riechen, handeln
draußen ist schon herbst

6.
dienstag im büro
und plötzlich nichts mehr zu tun
jetzt bloß nichts fragen

7.
in jeder stunde
zwölf millimeter verdruss
und ich ohne schirm

8.
er kündigt sich an
der durchfall beim ersten date
nimmt aber auch druck

9.
im flur der nachbar
sprechen weil es sich gehört
das endet niemals

10.
die haare wachsen
auch mein zerfall schreitet fort
ich kann es hören

11.
auf dem messenger
alle nachrichten geseh‘n
keine hat antwort

Zeichung: Rainer Resch, aus Kunsthandwerk Zeichenbuch, Nr. 284

Die Künstler dieser Ausgabe

Weylthaar (aka Lars Banhold)  ist ein deutscher Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Geboren, aufgewachsen und wohnhaft im Ruhrgebiet.  Veröffentlichungen u.a. in DreckSack, freiVers, Kliteratur, MAULhURE und Presswurst. Sein Lyrikband „Serotoninloch“ erschien 2021 bei Rodneys Underground Press, Berlin 

Rainer Resch wurde in München geboren und lebt seit vielen Jahren in Wesseling bei Köln. Ausgaben seiner (und Peter Krabbes) Ende der 80er Jahre in Köln gegründeten  kostenlosen Heftreihe „Normal – Fachblatt für den dillettantischen Alltag“ schaffte es 2015 in das Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München und das Archiv Artist Publicatons AAP von Hubert Kretschmer, München. Ebenso einige seiner eigenen Publikationen.

One Comment

  1. Rainer Resch

    Liebe Herausgeberinnen,

    die Gedichte von Weylthaar sind toll und ich finde meine Bilder sehr passend dazu.
    Aus dem Serotoninrausch viele Grüße

    Rainer Resch

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